Thesen für eine Disputation, die nie stattfand

1517 war Martin Luther Augustinermönch und Professor für Theologie an der jungen Universität Wittenberg in Sachsen. Im Januar jenes Jahres wurde der Dominikaner Johann Tetzel beauftragt, in den Gebieten Albrechts, des Erzbischofs von Mainz, einen Ablass für den Neubau von St. Peter in Rom zu predigen. Albrecht hatte sich beim Bankhaus Fugger Geld geliehen, um Rom für sein Amt zu bezahlen, und durfte die Hälfte der Einnahmen aus dem Ablass behalten.
Am 31. Oktober 1517 schickte Luther dem Erzbischof einen Brief und mit ihm fünfundneunzig Thesen auf Latein: Sätze über die Kraft der Ablässe, über die in einer akademischen Disputation in Wittenberg gestritten werden sollte. Der Brief ist in einem schwedischen Archiv erhalten. Ob Luther die Thesen auch an die Tür der Schlosskirche schlug, ist bis heute umstritten. Die Geschichte vom Thesenanschlag erzählte als Erster Philipp Melanchthon, nach Luthers Tod 1546, und er war 1517 nicht in Wittenberg; eine Notiz von Luthers Mitarbeiter Georg Rörer aus den 1540er-Jahren besagt, die Thesen seien an den Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen worden. Die Disputation selbst fand nie statt.
Handschriftliche Abschriften verbreiteten sich schnell, und noch vor Jahresende hatten Drucker in Leipzig, Nürnberg und Basel die Thesen gesetzt, ohne dass einer von ihnen seinen Namen nannte. Leipzig und Nürnberg druckten sie als zweispaltige Plakatdrucke, Basel als kleine Flugschrift. Dies ist das Nürnberger Blatt aus der Werkstatt von Hieronymus Höltzel, das die Thesen dreimal bis 25 und einmal bis 20 zählt. Der Chronist Friedrich Myconius, der die Ereignisse miterlebte, schrieb, sie seien in vierzehn Tagen durch ganz Deutschland gelaufen. Luther selbst bedauerte, dass Thesen, die für wenige Gelehrte gedacht waren, das Volk erreicht hatten.
Man nimmt an, dass von jedem Druck etwa 300 Exemplare hergestellt wurden; von den beiden Plakatdrucken sind heute nur sieben Exemplare bekannt. Dieses fand der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts 1891 in einer Londoner Buchhandlung und übergab es der Königlichen Bibliothek, der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin. Es trägt noch die Faltspuren von 1517. Die Thesen gelten allgemein als Beginn der Reformation, und bis zum Januar 1521 war Luther mit dem Bann belegt worden. 2015 nahm die UNESCO dieses Blatt in das Weltdokumentenerbe auf.
Über das Werk
- Geschaffen von
- Martin Luther (1483–1546); in Nürnberg gedruckt von Hieronymus Höltzel
- Datum
- 1517
- Technik
- Gedrucktes Flugblatt, ein einzelnes Blatt in zwei Spalten
Quellen
- Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum, Nuremberg 1517 (catalogue record and digitised copy) Staatsbibliothek zu Berlin
- Michaela Scheibe, 95 oder 87? Martin Luthers Disputationsthesen (2016) Staatsbibliothek zu Berlin
- Nur in Berlin: die einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesen-Drucken von 1517 Staatsbibliothek zu Berlin
- Beginning and the early development of the Reformation initiated by Martin Luther UNESCO Memory of the World
- Axel Gotthard, Schlaglicht 1517: der sogenannte Thesenanschlag Bundeszentrale für politische Bildung
- Thomas Kaufmann, Von den 95 Thesen zum Augsburger Religionsfrieden Bundeszentrale für politische Bildung (APuZ)
- Luther, Martin Neue Deutsche Biographie
- 95 Thesen Evangelische Kirche in Deutschland
- Erwin Iserloh, Luthers Thesenanschlag: Tatsache oder Legende? (1962) Université de Fribourg
- Timothy J. Wengert, introduction to The Annotated Luther, volume 1 Fortress Press
- Stefan Rhein, Thesenanschlag als Selbstfindung (2016) Die Politische Meinung, Konrad-Adenauer-Stiftung
- The image of a fractured church: Martin Luther and the 95 Theses at 500 years Pitts Theology Library, Emory University
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